Erschütterungen in der Bay Area

Disruptive BART-Station
bayareadisrupted.com
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Mein Text für WDR-Print, erschienen in der Oktober-Ausgabe des Magazins (pdf):

Die aufgekratzte Stimme von Duke The Bossman schallt über das Straßenfest im kalifornischen Oakland. Es ist der erste Freitag im Monat, First Friday, an dem sich Künstler, politische Aktivisten und Lebensmittelkooperativen auf einem abgesperrten Straßenabschnitt in Downtown Oakland treffen, ein typisches Bild für die als rebellisch und unangepasst geltende Stadt. In seinem Spoken-Poetry-Vortrag demontiert Duke The Bossman das amerikanische Bildungssystem, das Afro-Amerikanern wie ihm wenige Chancen auf sozialen Aufstieg bietet. Ich spreche ihn nach seiner Performance an und verabrede mich für den nächsten Tag.

Oakland liegt gewöhnlich im Schatten von San Francisco, der Schwesterstadt auf der anderen Seite der Bucht. Seit dem Erfolg von Internetunternehmen wie Apple oder Google entstand Im Silicon Valley südlich von San Francisco ein großer Bedarf an Wohnraum für die wohlhabenden und jungen Arbeiter. Die Folge: viele der Angestellten drängen nach San Francisco und die Mieten explodieren. Zehntausende Menschen, gerade Musiker und Künstler, aber auch viele aus der Mittelschicht können sich ihre Wohnung nicht mehr leisten und weichen nach Oakland aus. Auf diese Weise wird das kreative Herz San Franciscos nach Oakland verpflanzt, wo es auf ein gänzlich anderes soziales Milieu stößt: das von Duke The Bossman.

Duke The Bossman ist Spoken-Poetry-Künstler und Rapper zugleich. Seinen ersten Plattenvertrag landete er im zarten Alter von zwölf Jahren. Seitdem hat er in zahlreichen Gruppen mitgewirkt, ohne jedoch den großen Durchbruch zu schaffen. In einem Musikstudio im Norden Oaklands stellt er mir sein neuestes Bandprojekt Color Me Black vor. Er erzählt von der Geschichte des politischen Widerstands in seiner Stadt, dem Ursprung der Black Panther. Die tödlichen Schüsse eines Polizisten auf einen schwarzen Jugendlichen vor einigen Jahren lösten ähnlich heftige Proteste aus wie zuletzt in Ferguson und die Occupy-Bewegung war hier lauter als woanders. Wenn es in den USA einen Ort für politischen Aktivismus gibt, dann ist es Oakland.

Umso befremdlicher wirken auf ihn die Künstler und Tech-Worker, die nun in die Stadt drängen und ihren eigenen Lebensstil importieren. Im ehemaligen Territorium der Gangs werden jetzt Hühner im Hinterhof gezüchtet und Hopfen für das selbstgebraute Bier angebaut. Nur einige Blöcke weiter dominieren Fast-Food-Ketten, Liquor-Shops und Drogen die Szenerie. East Oakland ist die Heimat von Duke The Bossman, es ist der Ort, dessen Realität seine Texte bestimmen: desolat ausgestattete öffentliche Schulen, Teenager-Schwangerschaften, schlechte Ernährung und eine perspektivlose Jugend.

Am Abend bin ich auf eine Startup-Party in den Bergen von Palo Alto eingeladen, dem Zentrum des Silicon Valley. Von einem großzügigen Anwesen mit Swimming Pool, um den sich ein Haufen junger IT-Arbeiter schart, lässt sich die ganze Bay Area überblicken. Zu den Füßen der Berge liegt der Universitäts-Campus von Stanford, wo die Gründer von Netzgiganten wie Google oder Yahoo studierten. In den umliegenden Gemeinden von Palo Alto, Menlo Park und Mountain View sitzen die Unternehmen, die sich gerne disruptiv nennen, weil ihre Innovationen althergebrachte Industrien zerstören. Weit entfernt am anderen Ende der Bucht sind die flackernden Lichter von Oakland zu erkennen.

Nirgendwo sonst in den Vereinigten Staaten wird die soziale Ungleichheit deutlicher als hier in der Bay Area. Während im Silicon Valley große Reichtümer entstehen und San Francisco inzwischen neben Manhattan die höchsten Mieten des ganzen Landes aufweisen kann, gehört Oakland nach wie vor zu den Städten Amerikas mit den höchsten Kriminalitätsraten. Das Wort ‚disruptiv‘ mag für viele Künstler aus San Francisco wie Hohn klingen, denn durch die Übernahme der Stadt durch die neureiche Technologie-Elite werden gewachsene Gemeinschaften auseinander gerissen. Doch das Leben von Duke The Bossman wurde von einer ganz anderen Art disruptiver Erschütterung heimgesucht: als er 16 Jahre alt war, verlor er durch Schießereien seine Schwester und zehn weitere Freunde, alles innerhalb von nur sechs Monaten. Dass er daran nicht zerbrach, hat er vielleicht auch der Musik zu verdanken – und seiner Liebe zu Spoken Poetry, deren Community für ihn wie eine zweite Familie ist.

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