About Bay Area Disrupted

bayareadisrupted.com
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Bay Area Disrupted ist ein Radio-Feature für WDR3 und 1LIVE  sowie eine Multimedia-Reportage von mir, Andreas Bick. Im Juli und August 2014 habe ich die Bay Area um San Francisco in den USA besucht und mit vielen Musikern gesprochen, die auf verschiedene Weise vom Boom um das Silicon Valley betroffen sind. In der Online-Reportage und dem Radio-Feature geht es nicht nur um Musik, sondern auch um sehr aktuelle politische Themen wie die Sharing Economy, Disruption, Google Busse, Burning Man und die wachsende Ungleichheit in der amerikanischen Gesellschaft.


Vor 50 Jahren, am 2. Dezember 1964 hielt Mario Savio eine berühmte Rede an der University of California in Berkeley, in der er die technokratisch organisierte Universität als Maschine bezeichnete, die ihre Studenten als Rohstoff behandelt. Sein Zorn richtete sich gegen die entstehende Informationsgesellschaft, in der die angehenden Wissensarbeiter ihren Intellekt dem Apparat des Kalten Kriegs zur Verfügung zu stellen hatten. Computer waren nichts anderes als Maschinen aus den Labors der Militärs, die die Gesellschaft entmenschlichten und zu einer autoritären Bürokratie führten. Mario Savio war der Anführer des Free Speech Movements, das aus den Studentenprotesten in Berkeley entsprang und eine entscheidende Rolle zu Beginn der amerikanischen Gegenkultur spielte. Ein Jahr später ging vom benachbarten Oakland ein entscheidender Impuls für die schwarze Bürgerrechtsbewegung der USA aus, als dort die Black Panther Party gegründet wurde. Die bald entstehende Hippie-Szene hatte im Haight-Ashbury-District von San Francisco ihr Zentrum und sah vor allem in der Musik ein Vehikel, Individualismus auszuleben und in kleinen Kommunen ein anderes Zusammenleben zu erproben. Bands wie Grateful Dead, Sly and the Familiy Stone oder später die Dead Kennedys zeugen von der außerordentlichen Bedeutung der Bay Area um San Francisco für die amerikanische Musikkultur.

Mario Savio Speech bayareadisrupted.com

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Gleichzeitig wuchs am südlichen Ende der Bucht von San Francisco das Silicon Valley zum weltweit bedeutendsten Standort für Informationstechnologie heran. Für Firmen wie Apple, Google oder Facebook war die Bay Area nicht nur ein perfekter Ort, um hoch qualifizierte Mitarbeiter anzuheuern, auch die Unternehmenskultur der IT-Riesen ist eng mit dem liberalen Geist der kalifornischen Gegenkultur verbunden. Die Betonung von Individualismus, Ablehnung von staatlicher Reglementierung und die Zusammenarbeit in kleinen kommunalen Zellen stimmen mit den Organisationsformen der HiTech-Unternehmen exakt überein. Stewart Brand, von dem das berühmte Zitat „Information will frei sein“ stammt, ist eine der Schlüsselfiguren dieses Ideentransfers. In den 60er Jahren war Brand Mitglied von Ken Keseys „Merry Pranksters“ und organisierte eines der ersten Konzerte der Grateful Dead in San Francisco. Vor allem aber sein „Whole Earth Catalog“, aus dem sich später dann eine der ersten Online-Communities, „The WELL“, entwickelte, prägte eine gegenkulturelle Vision von Technologie als ein Mittel der Selbstermächtigung. In der Whole-Earth-Gemeinschaft wurden Modelle einer „New Economy“ getestet, in der Mitglieder sich als Unternehmer begreifen, die flexibel zwischen verschiedenen Arbeitsorten und Arbeitsteams wechseln und sich durch konstante Selbstoptimierung weiterentwickeln. Staatliche Eimischung oder Regulierung sind in diesen Gemeinschaften nicht erwünscht.

Ein weiterer Ideentransfer aus der Gegenkultur in den kommerziellen Mainstream fand im Bereich des Culture Jammings statt, welches seine Wurzeln ebenfalls in San Francisco hat. Der Begriff „Culture Jamming“ wurde in den 80er Jahren von den Sampling-Pionieren der Band Negativland aus der Bay Area eingeführt und beschreibt die Aneignung und Umdeutung von öffentlichen Räumen und Werbung. Vorreiter dieser Bewegung war in den 70er Jahren der Suicide Club aus San Francisco, später setzte die San Francisco Cacophony Society mit guerilla-artigen Aktionen in der Stadt das Erbe fort. Das Burning Man Festival, das ebenfalls seinen Ursprung in San Francisco hat, wurde maßgeblich von Mitgliedern des Suicide Club und der Cacophony Society organisiert und weiterentwickelt. Der Umzug des Burning Man Festivals in die Black Rock Wüste Nevadas markiert die Vision, jenseits von staatlicher Einflussnahme und auf sich allein gestellt neue Formen des Zusammenlebens auszuprobieren. Die Tech-Elite aus dem Silicon Valley wie Sergey Brin und Larry Page von Google oder Mark Zuckerberg von Facebook sind regelmäßige Gäste des Festivals, finden hier doch ihre unternehmerischen Ideale einen künstlerischen Ausdruck.

50 Jahre nach der rebellischen Rede von Mario Savio ist es für viele Studenten der Universität von Berkeley der größte Traum, bei den mächtigen Unternehmen des Silicon Valley zu arbeiten, oder besser noch in einem der 4000 Startups im Bezirk South of Market von San Francisco, bei Twitter, Airbnb, Uber und all den anderen – dort, wo vormals das Herz der legendären Underground-Musikszene San Franciscos schlug. Die revolutionären Ideale der Flower-Power-Generation wurden von den Kräften, denen sie eigentlich Widerstand entgegensetzen wollten, erfolgreich vereinnahmt. Durch den Zuzug der neureichen Arbeiter der IT- und Startup-Industrie sind die Mieten in San Francisco inzwischen so hoch wie in den teuersten Gegenden New Yorks. Angehörige der Mittelschicht und die meisten Künstler können sich ein Leben in San Francisco nicht mehr leisten und weichen nach Oakland oder in entferntere Orte aus. Die Wut über die wachsende Ungleichheit verschafft sich Luft in Protesten gegen Google-Busse. Musiker und andere Künstler schließen sich zu Vereinigungen wie der Content Creators Coalition zusammen und beklagen die strukturelle Machtlosigkeit von Inhalteproduzenten gegenüber den Informationsunternehmen.

Mario Savio Mural in Berkeley bayareadisrupted.com

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Vielleicht der Schlüsselkonflikt schlechthin zwischen der Musikindustrie und den aufstrebenden IT-Unternehmen wurde eben hier ausgetragen: im Jahr 2000 verklagte die Band Metallica aus San Francisco die Filesharing-Plattform Napster wegen unerlaubter Verbreitung ihrer Songs, was in der Folge zur Einstellung der Internetseite führte. Für die Musikindustrie allerdings war der Erfolg über Napster ein Phyrussieg, denn es folgten zahllose neue und technisch fortschrittlichere Filesharing-Plattformen, die die Umsätze der Musikindustrie über 10 Jahre halbierten. Gleichzeitig wurde von der progressiven Netzöffentlichkeit Musikpiraterie mit freier Meinungsäußerung gerechtfertigt. Heute gelingt es nur noch den populärsten Künstlern, durch den Verkauf von Musikaufnahmen nennenswerte Einkünfte zu erzielen, die einstmals blühende Independent-Musikkultur um San Francisco ist aufs endlose Touren und Live-Spielen angewiesen. In der Bay Area sind die Musiker von dem Boom um die IT-Industrie doppelt getroffen: nicht nur wurden die wirtschaftlichen Grundlagen der Musikindustrie einer Disruption ausgesetzt, auch das Leben in der Bay selbst ist durch steigende Mieten und knappen Wohnraum kaum noch erschwinglich.

All das sind Gründe, in die Bay Area zu reisen und genauer bei den Musikern nachzufragen. Bay Area Disrupted ist das Ergebnis dieser Recherche.

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